Serviervorschlag
Ein Projekt zu vergessenen Städtebildern
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Ulla Trulla

Ulla war fast immer zuhause und die Tür stand stets offen, einladend für alle, die ein Gespräch suchten oder einfach nur auf eine Tasse Kaffee vorbeikommen wollten. Doch am 18. August 1993 war etwas Ungewöhnliches geschehen. Ulla war nicht wie üblich in der Wohnung anzutreffen. Stattdessen hatte Ulla sich auf den Weg zum Hamburger Dom gemacht. In dieser Abwesenheit ereignete sich jedoch etwas Beunruhigendes: Eine Verpuffung im Keller unterhalb von Ullas Wohnung erschütterte die Ruhe der Hausgemeinschaft.
Es war eine beeindruckende Geste der Solidarität: Die Nachbar:innen hatten sich entschlossen, Geld zu sammeln, um Ulla zu helfen, die durch die Verpuffung beschädigten oder zerstörten Gegenstände neu zu beschaffen. Insgesamt konnten sie stolze 900 Deutsche Mark aufbringen – eine beträchtliche Summe für jene Zeit.
Diese unerwartete Hilfsbereitschaft zeigte, wie tragfähig die Bande zwischen den Nachbar:innen sein konnte, selbst in einer scheinbar anonymen Großstadtumgebung. Ulla war überwältigt von der Großzügigkeit und Unterstützung, die ihr in ihrer Not entgegengebracht wurde, und die Ereignisse hatten vielleicht sogar dazu beigetragen, die Gemeinschaft in dem Wohnhaus näher zusammenzubringen. Ulla lud als Dank zu Getränken und Snacks in den gemeinsamen und schönen Hinterhof ein.
Wegen der drohenden Ankündigung des Abrisses, entschied Ulla, in eine leerstehende Wohnung gegenüber zu ziehen. Es besteht weiterhin eine enge Freundschaft und Ulla blieb der Brennerstraße treu. Ihre alte Wohnung steht seitdem leer.